Von Umea in die Stockholmer Schären

Finale 2006

Pension Krankenhaus vom 22. 7. bis 29. 7. 2006.

Mit der Buslinje 124 ab Haltestelle Eriksdal Ortsteil Holmsund (Patholmsviken) nach Umea Stadt, hallplats A, NUS (Norrlands Universitets Sjukhus) fahre ich am Sonntag, Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag. Die Tage werden langsam zur Routine, morgens 8.12 Uhr hin, 19.27 Uhr zurück, entlang der 15 km langen Hauptstraße. Rechts und links Birkenwald, die Rollskifahrer trainieren entlang dem Straßenrand (üben wahrscheinlich schon für den Langlauf im Winter), vorbei fährt der Bus an den rotgestrichenen Häusern, ich stelle fest, dass kein Haus Fensterläden hat, nur eine weiße Umrandung ziert die Fenster. Die Busfahrgäste, die an den Haltestellen zu- und aussteigen, sind immer die gleichen, auch mich kennt der Busfahrer schon, die letzte Haltestelle ist "meine", dort steht auch mein Fahrrad. Mit dem radle ich dann durch den Wald bis zum Hafen runter, dieser füllt sich immer mehr mit Schiffen. Eines abends liegt ein Schweizer Schiff neben Momo mit Herrchen, Frauchen und Pudel. Aus Ferrozement ist das Schiff und 30 Jahre alt, aber schön.


Der tägliche Blick aus dem Busfenster

Umea ist eigentlich ganz hübsch!

Am Freitag dem 21. Juli fahre ich Uwe (er ist "gesund") mit dem Rollstular zur Central Hall des Krankenhauses, von dort nehmen wir ein Taxi zum Hafen. Im Gepäck viele Schachteln Schmerztabletten verschiedenster Art und eine siebenstellige Nummer, mit der wir in jeder schwedischen Apotheke Nachschub bekommen, sehr praktisch, aber wenig Trost und Hilfe. Der linke Oberschenkel und das Knie ist taub, und extrem schmerzempfindlich die Oberfläche der Haut, statt Muskeln sind jetzt "Löcher" im Bein und entsprechend schwach ist jetzt alles. Die Schmerzen sind nur mit den starken und regelmäßig zu nehmenden Tabletten erträglich - aber sonst ist alles in Ordnung, kein Handlungsbedarf mehr fürs Krankenhaus, laut Arzt weist das MRT ja auch keinen Bandscheibenvorfall auf.


"It`s just pain", sagen die Schweden. Ha, Ha!


Langsam geht Uwe, das Bein hinter sich herziehend, den Steg entlang zur Momo. Endlich wieder daheim! Ich pflücke im Wald gesunde frische Heidelbeeren, dann planen wir noch den nächsten Tag. Obwohl wir noch so weit im Norden rumhängen, haben Ursel und Adolf sich nicht abbringen lassen uns trotzdem zu besuchen. Sie sind am Abend in Stockholm gelandet und fahren jetzt über Nacht mit dem Bus hoch nach Umea, in die Stadt der tausend Birken.

Adolf

Ursel


Samstag 12.00 Uhr. Ich nehme an der Busstation in Umea unsere Gäste in Empfang. Gut gelaunt und ausgerüstet für eine Woche, hat jeder einen riesigen Rucksack auf dem Rücken, einen kleineren über der Schulter und noch ein Täschchen in der Hand!! Sie wirken recht munter nach ihrer Nachtfahrt, so können wir gleich weiter mit dem Linienbus 124 von Umea über die Haltestation Sjukhus (Krankenhaus) zum Hafen. Bevor die Zwei müde werden machen wir Momo startklar und vorher noch die obligatorische Sicherheitseinweisung. Ursel bekommt ein Pflaster gegen Seekrankheit hinters Ohr geklebt und um 14.50 Uhr heißt es - Leinen los! Der Himmel ist fast wolkenlos, die Sonne scheint und der Wind bläst aus Nordost. Wir fahren nach Südwest und bekommen die Windenergie von hinten, d. h. wir segeln aufrecht, ohne Schräglage. Zum Angewöhnen mit Stärke 4, später allerdings mit 6 Bft.. Trotz Bilderbuchwetter schlüpfen unsere Gäste in ihre wärmsten mitgebrachten Klamotten. Auch müssen sie sich an die ihnen fremdgewordenen Begriffe wieder gewöhnen wie "Klüver dichter und fieren, Groß, Fock, Schot, Großschot fieren, Luv und Lee, abfallen, anluven" und - was Ursula gar nicht gefällt, das Bedienen der Bordtoilette (das hat aber mit seinen tieferen Grund in den Pannen unserer Törns vor vielen Jahren mit Charterschiffen).

Ursel und Adolf sollen eine Traumwoche bekommen


Nach vier schönen Segelstunden laufen wir auf der Insel Norrbyskär auf 63°33,5'N und 019°52,1'E ein. Der Steg ist voll belegt, ein Segelverein aus Finnland hat hier eine Regatta ausgetragen. Bojen gibt es keine mehr. Wir fendern unsere Seiten gut ab und quetschen Momos Bug zwischen zwei an Bojen festgemachten Schiffe und werfen unseren Heckanker aus. Endlich können wir mal wieder in der Abendsonne ein "Saku" Anlegerbier genießen und das noch mit zwei lieben Freunden! Die Regattasegler feiern im Lokal am Ufer der Insel. Bei uns an Bord gibts einfache Nudelsuppe mit Wursteinlage, irgendwie sind wir alle müde. Trotzdem lassen wir uns eine kurze Inselbesichtigung nicht nehmen.

Norrbyskär war bis in die 50-er Jahre Europas größtes Sägewerk und mehr als 1000 Menschen haben hier gelebt. Alkohol war hier nicht zu haben, und das war wohl der Grund warum das Sägewerk damals hier platziert wurde. Jetzt ist alles "renaturisiert", nur die alte Kegelbahn aus dem Jahr 1899 steht noch und die Arbeiterhäuser, sie sind heute herausgeputzte Sommerhäuser der Schweden.


Idylle auf Norbyskär

Die Kegelbahn von Norbyskär

Finnenregatta und Saisonabschluss

Sonntag 30.7 um 9.00 Uhr heißt es "Anker auf". Herrlichstes Wetter. Ursel lernt mit "Gefühl" zu steuern, erst fährt sie zusätzliche Meilen im Zick-Zack-Kurs, während Adolf das Wasser mit dem Fernglas absucht."Da ein Boot", ruft er (aber wo ist der Mann), ein Kajak vielleicht? Beim Näherkommen stellt sich seine Fata Morgana als Stein mit darauf sitzendem Kormoran heraus. Auch ich wundere mich, dass ich die Fahrwassermarkierungen so schwer erkenne, vor allem die roten und grünen Spieren. Aber ganz klar, wir segeln jetzt immer nach Süden und haben fast ständig Gegenlicht, die gute Sicht habe ich gar nicht hoch genug eingeschätzt bei unserer monatelangen Fahrt nach Norden, bei der die Sonne fast immer von hinten kam!

Der Wind ist heute zu schwach für unsere 14 Tonnen, so dass wir zusätzlich die Maschine brauchen. Die Inseln der Küste werden immer höher und das Wasser immer tiefer. Inzwischen können wir gefahrlos bis dicht an die Felsen ranfahren und loten immer noch 30 Meter Tiefe.

In Skagshamn machen wir nach 36 gefahrenen Seemeilen um 16.40 Uhr am Steg fest. Eine "Surströmming"-Fischfabrik ist nebenan, ein Plumsklo am Hang, eine Holzkirche und auch ein Grill findet sich für unser mitgebrachtes Grillfleisch. Nur Anzünder fehlen, aber die bringt uns gleich ein einheimischer Schwede und trinkt mit uns das letzte "Saku" Bier (die ganzen Paletten aus Tallin sind weggetrunken). Später besucht uns der Schwede nochmal und bringt zwei geräucherte selbstgeangelte Weissfische mit. Immer neue Schweden kommen zum "schwätzen" und Schiff ansehen. Wir hören, dass diese Bucht am schönsten sei im März/April, wenn sie zugefroren ist und ganz weißer Schnee liegt (Betonung auf ganz weiß) und dass immer weniger Heringe gefischt werden.

Wir schauen noch die kleine Skags Kapell aus dem 16. Jahrhundert an, Adolf spielt den Mesner und läuft mit dem Klingelbeutel rum, damit etwas Leben in meinen Film kommt. Auch heute ist unser Skipper an Bord geblieben, er kann nicht gehen, null Besserung und das ausgerechnet im landschaftlich schönsten Gebiet Schwedens, den Höga Kusten.


schwedisches Starkbier mit 2,4 %

Björn aus Skagshamn, natürlich im blau-gelben T-shirt, bringt uns selbstgeräucherten Weißfisch


Die Kirche von Skagshamn ist eine der ältesten in Schweden

Die Höga Küsten erstreckt sich über 50 Seemeilen Länge zwischen Örnskjöldsvik im Norden und Harnösand im Süden. Im Gegensatz zu den flacheren Alandinseln zwischen der südfinnischen Küste und der schwedische Ostküste sind die Inseln hier von rötlichem Gestein (Granit und Gneis), zerklüftet und bergig und bis zu 400 Meter hoch. Auf der Seekarte verläuft die 20 Meter Tiefenlinie dicht am Ufer entlang.

Die Zentralen Teile der Hohen Küste waren mit 3000 Meter dickem Gletschereis bedeckt. Das Gewicht drückte die Erdkruste 800 m unter das Niveau von heute. Als die Schmelzung vor 20000 Jahren einsetzte, ließ der Druck nach und die Landhebung setzte ein. Es wurden

Ufermarkierungen gefunden, die 286 m über dem heutigen Meeresniveau in den Felsen eingeritzt sind. So kommt es, dass der uralte rötliche Rapakivi-Granit glattgeschliffen unter und über dem Wasser herumliegt, als hätte Obelix hier Steinewerfen gespielt.


"Trysunda is a must" sagen alle Schweden


Weiter gehts am Montag an den Höga Kusten entlang, ins 20 Seemeilen weiter südlich gelegene Örtchen Ulvön. Vorbei an den roten Felsen und dem Schwedentipp Nr. 1: Trysunda. Wir drehen nur eine Runde mit Momo zum Schauen und Knipsen des idyllischen Fischerdörfchens mit den roten Häusern entlang der halbrunden Bucht. Bei der Einfahrt entdeckt Adolf noch lauter Nackerte, die am Strand liegen! Sie stellen sich beim genaueren Hinsehen aber als fleischfarbene und körpergroßen Kullersteine heraus. So ein Pech! Der Wind ist schwach und kommt aus Ost, Südost, wir segeln lautlos und gemütlich bei strahlendem Sonnenschein an den vielen Leuchttürmen vorbei (auf jedem größeren Inselchen steht einer), die Wassertiefe unterm Kiel beträgt jetzt 40 - 80 Meter.

Schon am frühen Nachmittag legen wir im Hafen von Ulvön an (63°01,31'N und 18°39,36'E). Der Ort liegt im Herzen der Hohen Küste an einem schmalen Sund und auf einer bergigen, mit Nadelbäumen bewachsenen zweigeteteilten Insel. Wir fahren direkt auf die Terasse einer Kneipe zu, davor liegt eine Boje, die wir mit unserem Haken schnappen, dann machen wir die Vorleinen fest und können dabei auf die Teller der Gäste sehen - fertig das Anlegemanöver. Wir warten noch bis ein Fährschiff alle Tagesausflügler der Insel eingesammelt hat, und brechen dann zum Landausflug auf. Wir entdecken ein idyllisches und gepflegtes Fischerdorf. Die Hauptstraße ist autofrei, gesäumt von gepflegten Holzhäuschen. Nur riechen tut es fremd hier. Das gemütliche und originelle Cafe Lilla Salteri nehmen wir genauer unter die Lupe. Hier gibt es Kuchen, aber vor allem auch Surströmming (Heringe) aus eigener Herstellung. Wir schauen uns erst die Surströmming- Büchsen an, sehen dass es dazu ein spezielles Bier und Fladenbrot (tunnbröd) gibt und kommen ins Gespräch mit dem Wirt. Ob wir mal die Surströmminge sehen dürften, fragen wir. "Ah Stinkefisch wollt ihr sehen" erwidert er und seine Augen blitzen. Kurze Zeit später kommt er mit einem Teller, darauf 2 kleinen Fischen, zurück: "eine Frau und ein Mann", sagt er auf Deutsch und im selben Moment umgibt uns ein einbeschreiblicher "Duft". Wir stehen vor einer schwedischen Delikatesse. Der Surstömming ist ein sauer eingelegter Ostseehering und das lokale Nationalgericht, den Duft liebt man - oder man verabscheut ihn. Wir unterhalten uns in einem englisch/deutsch Kauderwelsch und lassen uns erklären, dass der Backsteinkäse oder Romadur bei uns auch nicht jedermanns Sache sei. Ein guter Vergleich. Die 2 kleinen Fischlein riechen nach vollreifem Romadur hoch 5, jedoch mit Fischgeschmack. Außerdem hören wir nunmehr zum wiederholten Male, dass dieses Jahr nur noch 40 % Heringe gefangen werden, da die Finnen alles wegfischen, große und kleine und ausschließlich zu Tiermehl für die Tierfütterung verarbeiten. Wir nehmen als Andenken 2 Büchsen Surströmming mit, die Adolf im Rucksack trägt, und dafür jetzt nach Stinkefisch riecht. Der Surströmminggeruch verläßt unsere Nase nicht mehr, auch der Geruch der Hauptstraße ist uns jetzt nicht mehr fremd.
Vor den Häusern stehen überall Trockenstangen mit hölzernen Haken, aber nicht für Wäsche, sondern für die Fischernetze. Wir nehmen jetzt den steilen Weg, den Berg hoch, zum Lostenhaus. Mit einer ganz tollen Aussicht über die vielen Inseln werden wir belohnt. Wenn wir segeln haben wir immer eine ganz andere, flache Perspektive. Auf dem Rückweg kaufen wir noch 2 %-iges Büchsenbier, da das Bier aus Tallin wirklich aus ist, kein Versteck mehr auf dem Schiff hat sich aufgetan. An Bord zurück, berichten wir unserem Skipper von unserer Erkundungstour. Er macht jedoch keinen glücklichen Eindruck, auch das 2 %-ige Bier hilft da nicht drüber weg.



Die schmale Einfahrt in den Ulvön-Sund

Ulvön am gleichnamigen Sund

Die Kirche von Ulvön

Für Dienstag, dem 1. 8. ist schlechtes Wetter angesagt und tatsächlich ist es morgens bedeckt. Ursel und ich überlegen ob wir die "Funktionsunterwäsche" heute anziehen. Für uns ist diese Unterwäsche völlig normal und unabdingbar, unsere Gäste dagegen können sich nicht vorstellen, daß man sich im Sommer und auch noch bei Sonne, manchmal trotzdem so warm anziehen muss. Los gehts um 9.00 Uhr durch den malerischen Sund, wir planen einen "day stop" auf der Insel Mjältön.
Schon nach einer Stunde passieren wir die gerade mal zwanzig Meter breite Enge und schlüpfen in eine kleine kreisrunde Bucht hinein mit nur 3 Meter Wassertiefe. Am Schwimmsteg bekommen wir einen Platz, Adolf ist für den Heckanker zuständig. Das Wetter hat sich darauf besonnen dass wir Gäste haben und ist wieder super.

Die Crew darf an Land, unser Skipper ruht sich aus und bleibt an Bord. Mjältön ist die höchste Insel der Ostsee mit 235 m Höhe. Erst wandern wir durch den Birken- und Nadelwald, Frösche springen und eine Schlange schleicht über den Weg. Der Pfad schlängelt sich hoch, der Wald mit den Farnen und Schachtelhalmen wird lichter, hier wachsen jetzt Erikabüschen und Heidelbeeren. Wir laufen, springen und klettern über die rötlichen Felsen, sehen vereinzelte Bäume, deren Stämme wie Korkenzieher gedreht sind (der Wind dreht sie wohl immer im Kreis wie Zuckerwatte). Die ungewohnt lange Wanderung, wird ziemlich anstrengend, auch speichern die Steine enorm die Hitze, der Aufstieg lohnt sich jedoch. Am Gipfel oben angekommen, liegt uns jetzt die Ostsee in allen Richtungen zu Füßen. Überall sind die bergigen, bewachsenen Inseln zu sehen, nur Natur, nicht einmal Holzhäuser stehen darauf. Wasser - Wald - Inseln. Wir legen der Tradition entsprechend einen weiteren Stein auf den großen Steinturm auf der Spitze des Mjältön. Schade, daß wir schon wieder zurück müssen, aber wir haben nur 3 Stunden Ausgangsgenehmigung. Anker auf, heißt es auch sofort bei unserer Ankunft, damit wir nicht weiter "zugeparkt" werden und womöglich nicht mehr aus der Bucht rauskommen.


Der Blick vom Mjältön der höchsten Insel Schwedens auf die Höga Kusten

Der oberste Stein ist von der Momo

Wir kreuzen noch bei schönem S/O-Wind und Sonnenschein, sehen im Vorbeirauschen Geröllfelder auf den Inseln, die 5000 Jahre alt sind, erblicken den höchsten Leuchtturn Schwedens und des gesamten Ostseeraums "Högbonden", essen Parsakaalikeitto Suppe (noch eine Packung aus Finnland).

Uwe möchte, dass Ursel ihr Seekrankheitspflaster gegen ein neues austauscht (hilft 3 Tage hinterm Ohr und läßt in der Wirkung dann langsam nach), sie möchte aber partout nicht, ihr gehts gut, meint sie. Es dauert aber nicht lange, da bittet sie um eine Tüte. Groß oder klein frage ich, sie zeigt schnell auf die Große, die sie auch sogleich füllt. Auf dem Meer hat sich jetzt nämlich eine riesige Dünung aufgebaut, und - wie Ursel später erzählt, war sie auch in Gedanken bei den Surströmmingen. Jetzt gibts ein neues Pflaster ohne Widerrede.


Rapakivi-Granit


Am Abend fahren wir durch einen Sund zu dem Fischerdörfchen Bönhamn. Es liegt gut geschützt zwischen hohen bewaldeten Schärenbergen, in der Bucht die roten Häuschen mit Kneipe und Cafe. Die Bojenplätze am Steg sind alle belegt, unser Heckanker muß uns wieder halten, man merkt doch noch die Ferienzeit in Schweden. Die Crew macht einen kleineren Landgang und unserem Skipper liegen die Nerven blank. Wir können ihm leider nicht helfen.

Der Schärenhafen von Bönhamn

schwedische Piraten mit der Pumpgun


Mittwoch 2. 8. Heute heißt es Strecke machen. Wir müssen unsere Freunde spätestens am Freitag früh in der Stadt Hudiksvall abliefern, damit sie ihren gebuchten Flieger ab Stockholm erwischen. Noch 100 Seemeilen liegen vor uns.

Früh um 9.25 Uhr, heißt es Anker auf in Bönhamn. Die tollste Fahrt überhaupt erwartet uns heute - Windrichtung passt- Nord/Ost, Stärke 3 - passt. Wir segeln vor dem Wind, die Sonne scheint, warm ist es, wir tragen kurze Hose und T-Shirt. Bis zum Nachmittag hält der gleichmäßige Wind durch. Wir lesen, dass es auf Harnösand einen McDonalds-Sail-In gibt. Leider haben wir in unserer Zeitplanung nicht so viel Luft, uns den Abstecher zu erlauben.

Stundenlang segelt unser "Schmetterling" lautlos vorbei an den bewaldeten Inselchen, jede mit einem anderen Leuchtturm darauf. Gegen 17.00 fange ich an Brotteig zu kneten, man weiß ja nie, wann wir mal wieder in die Zivilisation kommen. Nach 50 Seemeilen bietet sich nach Karte die Insel Brämön zum Anlegen an. Wir sehen mit dem Fernglas einen rostigen Steg. Ich versuche die Verbotsschilder darauf zu deuten - langsam tasten wir uns näher. Der Steg ist von Rost zerfressen, jedoch große Klampen sind darauf befestigt, d. h. irgendwann einmal haben hier große Schiffe festgemacht. Ein Mann kommt aus Richtung der am Ufer liegenden 5 Häuser angespurtet und bedeutet uns, auf der Rückseite des Stegs festzumachen, das Wasser sei tief genug. Es scheint der Bürgermeister zu sein von dem Dorf, er hilft beim Anlegen. Ab 3 Häuser kann man hier in Schweden von Dorf reden, ab 20 Häuser wäre es dann schon eine Stadt.


In Bramoen nimmt der Bürgermeister die Leinen entgegegen

Ursel freut sich über ein Klo ohne Seegang


Unter all den Verbotsschildern liegen wir hier ruhig und geschützt in der Nacht. Nach dem zweiprozentigen leichten Anlegerbier macht sich die Crew wieder auf die Socken, die unter Naturschutz stehende Insel zu besichtigen. Ursel testetdas Wald-Plumpsklo und wirft eine Schaufel Sand auf ihr "Geschäft". Adolf stellt einen umgefallenen Wegzeiger wieder ins Loch, ob die Richtungen jetzt stimmen ist die Frage. Wir laufen den schmalen Pfad entlang durch Erika, Heidelbeer, "Faller-Eisenbahn"Moose und zwischen Felsbrocken - immer noch eine Kurve weiter und noch eine. So wird es langsam dunkel bis wir am Boot zurück sind. Wehmütig denke ich an die langen finnischen Nächte, die niemals "nacht" wurden zurück. Jetzt, mit den immer kürzer werdenden Tagen, hat auch zwangsläufig die Rückreise begonnen. Der Skipper hat inzwischen die vorbereiteten Brote gebacken und wartet unter Schmerzen bis wir endlich kommen. Da der Ofen noch heiß ist, möchte er noch eine Pizza zum Abendessen haben. Es wird spät, bis der letzte aus dem Bad kommt.



Donnerstag, 3. 8. Die Fahrt nach Hudiksvall wird nochmal ein Highlight. Unter Wind- und Sonnenenergie rauschen wir wieder mit Schmetterlingsbesegelung nach Süden. Der Nord-Ost Wind bläst uns vorwärts mit Stärke 4 Bft., weiter mit 4-5 Bft, nach Angewöhung stockt er auf 5-6 Bft. auf, die Ostsee liefert dazu noch recht hohen Wellen. Mittagessen kochen auf dem kardanisch aufgehängten Herd geht unter erschwerten Bedingungen.



Wir kommen an Robbenschutzgebieten vorbei und sehen auch tatsächlich Tiere. Sie sind schwer auszumachen, da sie nur ganz kurz den schwarzen Kopf über Wasser halten, es sieht dann so aus wie das Luftrohr von einem untergetauchten U-Boot. Auch weitere "Kajaks" sehen wir, Steine im Wasser mit Kormoran darauf. Am Nachmittag holen wir dann den Klüverbaum runter und binden bei Windstärke 6 nun 1 Reff ein, trotzdem laufen wir mit 8,2 Knoten Fahrt durchs Wasser (dies ist schon ein halber Knoten schneller, als die theoretische Rumpfgeschwindigkeit von Momo mit ihren 14 Tonnen). Adolf ist begeistert von der "heißen" Fahrt.
Noch 2 Stunden fahren wird durch das betonnte Fahrwasser nach Hudiksvall, bergen die Segel und laufen unter Motor in den Stadthafen ein. 53 Seemeilen Rauschefahrt liegen heute hinter uns, und insgesamt haben wir soeben zweitausendfünfhundert OST-See-Meilen geschafft. Trotz starkem Wind und Wellen ist es heute niemandem schlecht geworden.

6 Tage lang am Stück Traumwetter, blauer Himmel, blaues Meer, schöner Wind - kein Regen kein Sturm, kein Gewitter, kein Gegenwind oder gar Kappelwellen. Rod Stewart singt "sailing - sailing". Ursel und Adolf schätzt ihr das auch? Ich glaube ohne einen richtig harten Segeltag miterlebt zu haben fällt dies schwer.

Angekommen wandert die Crew in die Stadt zum Checken wann der Zug abfährt nach Stockholm und weiter zum Supermarkt, den Proviant auffüllen. In der Zwischenzeit trifft sich unser Skipper am Steg mit der Mannschaft eines schwedischen und eines holländischen Schiffes, jeweils ist eine Ärztin mit von der Partie (wie praktisch). Da Uwe offensichtlich sehr schlecht läuft, bekommt er freundliche Hilfe und Ratschläge angeboten, unter anderem nochmal in die Klinik zu gehen, diesmal in Hudiksvall, verlockende Aussicht.

Der letzte Abend zu viert! Ursel und Adolf müssen ihre XXL-Rucksäcke wieder packen, was war da jetzt eigentlich drin? Geht mich nichts an. Abendessen, Duschen, Haarewaschen, und der Abend, wie auch die ganze schöne Woche ist auch schon ruck-zuck rum. Ich hoffe, unseren Gästen hat es trotz unserem gestressten, schmerzgeplagten und deshalb nicht immer gutgelaunten Skipper gefallen, sie werden noch 2 Wochen im Schwarzwald ausspannen können.

Freitag 4. 8. um 8.00 Uhr heißt es Abschied nehmen, Gute Heimfahrt Ursel und Adolf, erholt euch schön in Enzklösterle!




Sonntag ist Krisensitzung: Wir beschließen erstmal nach Öregrund weiterzufahren, der Ort liegt auf halbem Weg zwischen Hudiksvall und Stockholm.

Sonne, Windrichtung Ost und wir segeln mit Schräglage hoch am Wind. Da, vier Robben strecken ihre Köpfe aus dem Wasser - und weg sind sie wieder. Am Mittag schläft der Wind ein, so motoren wir weiter zur Insel Storjungfrun. Eine wunderschöne Bucht erwartet uns, mit schwarz-weiß-gestreiftem Leuchtturm und Millionen schwarzen Schnaken, die schwirren oben um den Turm. Richtig heiß ist es hier und die Wassertiefe im Hafenbecken ist sehr knapp für unseren Tiefgang. Mühsam geht Uwe mit mir ein paar Schritte über die Insel, vielleicht hilft Bewegung. Nein! Anschließend planen wir noch die Strecke für morgen nach Öregrund. In der Nacht spiegelt sich der Leuchtturm in der kreisrunden Bucht und gibt seine "Blinks" von sich. Ein wunderschönes Bild, ich bin jedoch zu müde es mit der Kamera festzuhalten, schade.


Storjungfrun ist eine herbe Schönheit


Momo im kleinen Hafen von Storjungfrun

Samstag um 7.00 Uhr heißt es wieder Leinen los: über 60 Seemeilen bis Öregrund liegen vor uns, bei Wind aus Süd-Südwest - Motorbrummeltag.

Inzwischen beschränken sich unsere Tage auf Ablegen, Vorwärtskommen - so schnell wie möglich, Anlegen und Ausruhen. Keine Besserung der Schmerzen von Uwe, zu den Anlegemanövern verordnet er sich immer eine Extraportion Schmerzmittel.

Der Gegenwind ist zum Glück schwach und die Sonne strahlt dazu vom wolkenlosen Himmel. Freies Meer vor uns! Es könnte so schön sein. Die Schären lassen wir erstmal an steuerbord liegen bis zur Insel Örskar, der nördlichsten Insel der Stockholmschären. Auf dieser Insel wurde 1769 das erste Blinkfeuer der Welt installiert.


zu Gast bei Jornsens

Uwe und Maid Jorns (Kalles Eltern) wohnen in den Ferien in Stenskär (bei Öregrund), die möchten wir treffen und auch eventuell einen Rat zu den undefinierbaren Schmerzen bei Dr. Jorns einholen. Aber erst steht uns ein Problem bevor, in dem netten Ort und Hafen Öregrund mit angeblich 40 Gastliegeplätzen, findet heute ein Motorboottreffen mit Rennen statt. Es sieht nach Rummelplatz aus. Der ganze Hafen und auch die Gastliegeplätze sind belegt. Nach zweimaligem Kreisen quetschen wir uns in eine Lücke an der Hafenmauer.

Öregrund ist sonst ein niedlicher Ort mit Touristeninfo, Trödelläden, Souvenir- und Angelgeschäften, verschiedenen Lokalen und Eisdiele. Wir werden von Maid und Uwe Jorns mit dem Auto abgeholt und dürfen mit zum Grillfest zu den Nachbarn, direkt an der Stenskär - mit Sonnenuntergang. Schlafen dürfen wir heute abend in Jorns' Bootshaus.

Beim gemeinsamen Sonntagsfrühstück in Stenskär kommen wir zu der traurigen Erkenntnis, daß Uwe in Schweden keine Chance hat sich nochmal kurzfristig durchchecken zu lassen, das geht nur im akuten Notfall im Krankenhaus (wie gehabt in Umea), ansonsten nur mit längeren Terminen. In Schweden werden alle Patienten gleich behandelt - einer nach dem anderen - es gibt keine unterschiedlichen Klassen und einen bestimmten Arzt kann man sich auch nicht aussuchen.

Nun bleibt uns nur noch heimzufliegen und Momo in Schweden zu lassen. Aber wo? Öregrund geht nicht, wir fahren zum nächsten Liegeplatz, geht auch nicht, also wieder zurück nach Öregrund und dort trifft Uwe unter der Dusche den Skipper Jahn. Er hat einen "heißen" Tipp von einer Werft nahe Stockholm, mit Halle gleich fürs Winterlager. Gesundheit geht vor, wir machen jetzt Nägel mit Köpfen und entschließen uns den Törn abzubrechen und heimzufliegen.
Es bleiben uns noch die traurigen Absagen an unsere nächsten Gäste: Gerty und Detlef, Toni, Michi und Bella.


auch unsere Stimmung ist etwas "bedeckt"

Ab Montag früh 7. 8. "fressen" wir Seemeilen, wollen nur noch ankommen auf der Gryts Werft nahe dem Ort Valdemarsvik. Vor uns, rechts und links und mittendurch und überall liegen jetzt die Stockholmer Schären, 30 000 (in Worten: Dreißigtausend) Inseln, Felseninseln und Schären.
Das charakterischtische an den Inseln ist die glatte Oberfläche, vom Meer während der letzten Eiszeit geformt und zwei Milliarden Jahre alt. Sie gehören zu den interessantesten Naturwundern der Welt. Um Christi Geburt lag die Inselwelt, gedrückt vom mächtigen Inlandeis, größtenteils unter Wasser. Jetzt heben sie sich noch pro Jahrhundert um 40 cm weiter aus dem Wasser.

Die Schären sind ein Urlaubsparadies für die Stockholmer und die Touristen. In der Nähe des Festlandes sind die Inseln größer und bewohnt und je weiter sie im offenen Meer liegen, je kleiner und flacher werden sie. Die Vegetation ist spärlich, die Bäume vom Wind gerupft und zum Teil sind die Inseln auch völlig kahl. Zu den landnahen Inseln kommt man noch mit dem Auto über Brücken, weiter draußen mit dem Linienboot und die Außeninseln erreicht man nur noch mit dem eigenen Boot oder einem Taxiboot. Die Schären sind zu 85 % im Privatbesitz, aber dank des Jedermannsrecht in Schweden, hat jeder die Möglichkeit, sich hier aufzuhalten, unter bestimmten Regeln. Die restlichen Schären besitzt und verwaltet die Schärenstiftung (Skärgardsstiftelsen), sie hat die Aufgabe Natur und Kulturwerte zu bewahren und gleichzeitig der breiten Öffentlichkeit den Zugang zu dieser Landschaft aufrechtzuerhalten.

Wir düsen unter Maschine zwischen den Inseln Sunnanö und Gräsö durch, dann kreuzen wir im offenen aländischen Meer bei Süd Süd-Ost Wind, unterschreiten den 60. Breitengrad (wie haben wir uns gefreut, ihn überschritten zu haben auf dem Weg nach Helsinki!). Um 16.30 Uhr fahren wir an der Schäre Arholma am Leuchtturm vorbei. Markierungen, Leuchttürme, Baken, Inselchen - wir müssen unseren Weg genau nach Seekarte finden.

Jetzt sind wir wieder an der Engstelle zwischen der schwedischen Ostküste und der finnischen Westküste angekommen, dazwischen liegt Aland mit den vielen vielen Inseln. Da waren wir doch erst vor kurzem?! An Steuerbord jetzt Idö , Lidön und Fejan. Diese Insel war 1944 Durchgangslager für baltische Flüchtlinge, die vor den Russen flohen und mit kleinen Booten rüber von Estland kamen. An backbord die Insel Riddersholm: Hier wächst eine Grasart, die es sonst nur in der Ukraine gibt. Sie stammt vom Mist der Kampfpferde der russischen Invasion von 1719 (habe ich gelesen, zum Ansehen ist ja jetzt keine Zeit mehr).

Der Himmel ist bedeckt und wir haben nach 12 stündiger Fahrt schon Dämmerung, als uns im engen Sund drei Kreuzfahrtschiffe, voll beleuchtet, hintereinander entgegenkommen. Die Bugwelle, die sie vor sich herschieben ist gewaltig. In Furusund legen wir endlich an. Achtundsechzig Seemeilen!! Der Motor ist aus, wir sind vertäut und sitzen im Cockpit. Platsch, platsch - rings um das Schiff platscht es ständig. Strömminge (Heringe) springen zu Hunderten aus dem Wasser und platschen wieder zurück. Wäre sicher ein Leichtes, sie zu fangen mit dem Kescher oder gar mit dem Teller. Ständig fahren noch Motorboote, Fähren und Kreuzfahrtschiffe durch den Sund , so dass wir ständig im Schwell liegen, macht nichts, morgen gehts weiter.


Die schwimmen zwischen den Schären

Der Furusund ist das Hauptfahrwasser nach Stockholm

Diese Leuchttürmchen weisen uns den Weg

Dienstag 8. 8. frühmorgens, mein erster Blick trifft einen Angler neben unserem Boot, er zieht einen 40 cm langen Fisch aus dem Wasser, auch die Strömminge hüpfen schon wieder, leichtes Spiel für die Angler.

Schönstes Wetter, schwachwindig, zu wenig zum Segeln -egal - wir fahren das finnische Heizöl leer. Mit kurzer Hose und T-shirt holen wir uns noch die letzte Sonnenbräune während wir durch die herrliche Schärenlandschaft im Furusund motoren. Die meisten Häuser hier an den Ufern sind ausgesprochen luxeriös. Zum jeweiligen Anwesen gehört ein Bootshaus, ein Saunahäuschen und am Steg festgemacht die Bootsflotte: ein Motorboot für den Mann und eins für die Dame, ein Ruderboot für die Kinder und ein Segelboot fürs Wochenende, im Bootshaus versteckt liegen sicher noch die Kajaks.

Auf dem Wasser ist auch ganz schön was los, obwohl die schwedische Segelsaison eigentlich schon vorbei ist. Wellenschlagend rasen bestimmt 15 Militärboote an uns vorbei. Bei Muskö, wo wir gerade sind, befindet sich eine große Torpedostation, ringsum in der Region sind militärische Zonen, wo sich heute anscheinend hochmoderne U-Boot-Bunker im Felsen verbergen.

An Steuerbord sehen wir einen Felsen mit Leuchtturm, Älsnabben, dazu ein Monument, ein Steinsockel mit einem großem Anker darauf. An dieser Stelle hat sich der Schwedenkönig Gustav Adolf II. 1630 im Dreißigjährigen Krieg eingeschifft. Wir brummen an Stockholm v or b e i , unterschreiten den 59. Breitenrad, lassen Insel um Insel hinter uns und nehmen die Nordansteuerung nach Nynäshamn.

Diese Ansteuerung ist im Törnführer Schweden so beschrieben: beim Leuchtfeuer Östra Röko verläßt man das Hauptfahrwasser westwärts, und fährt zunächst auf die weit sichtbaren gelben Hochhäuser, Schornsteine und Tanks beim Ölhafen , westlich des Leuchtturms Brunsviksholmen (weiß mit rotem Sockel) zu. Die Zufahrten in den Sund sind durch die Felsmarken an der Nordspitze von Nynynäshamn (runder weißer, schwarz umrandeter Fleck mit schwarzem Punkt und zwei weißen, rechteckigen Marken östlich davon) und die weiße Finnhällorna-Bake sehr gut gekennzeichnet. Die Bake steht auf einer niedrigen, grauen Schäre und kann an beiden Seiten passiert werden. Von dort kann man auf die Steganlagen zuhalten. Die Bake auf der Nordostspitze von Bedarön (weiße Stange mit Scheiben-Toppzeichen) bleibt etwas an Backbord. Liest sich kompliziert.

Endlich sind fest an einer Boje, etwas unruhig, denn gegenüber liegen die Fährboote. Viel Platz hat es in Nynäshamn und es gibt alles was man braucht: Bootstankstelle, Duschen, Waschmaschinen, Läden, Touristeninformation, Minigolf und ins Zentrum sind es nur 400 m. Die sind mir aber heute zu weit, auch macht es keinen Spaß alleine. Ich schlendre durch die "Hafen-Genussmeile" mit Fischrestaurant und der leckersten Fischräucherei. Hier muss ich was zum Nachtessen mitnehmen! Bier ist auch aus an Bord der Momo. Auf freundliches Bitten bekomme ich ausnahmsweise vier Flaschen Bier mit, aber nur geöffnet, da Bier nur im Lokal ausgeschenkt werden darf. Sonst verlieren sie ihre Konzession, sagt mir die Verkäuferin. Wirklich kompliziert in Schweden an gutes Bier zu kommen. Ganz vorsichtig transportiere ich die offenen Flaschen im Rucksack zum Schiff, dort mache ich einen Korken drauf - Vorrat für morgen. Lecker der Fisch! Wir haken ab: 62 Seemeilen und 11 Stunden Fahrt.

Mittwoch 9. 8. Wetterbericht: schwacher Wind aus Ost, eventuell Gewitter. Wir motoren wieder mit unserem finnischen Heizöl. Die Sonne verzieht sich hinter starkem Dunst und die Sicht wird immer schlechter. Mittags, querab vom Leuchtturm Gustav Dalen, können wir endlich den Motor abstellen und segeln jetzt lautlos und wieder bei Sonnenschein auf dem kürzesten Weg durch das schönste Schärenlabyrinth, immer nach Süden.

Wir hatten bei unserer Törnplanung im Frühjahr viel zu wenig Luft auch für diesen Abschnitt eingeplant, ein Gutes hat die blöde Situation jetzt, - wir kommen wieder - nächstes Jahr und zwar ohne exakten Fahrplan, nur der Wind und das Wetter darf uns befehlen und Törns in Richtung "Mal-sehen-wo-wir-landen", sollen erlaubt sein. Segeln und Erleben und nicht Ablegen, Meilenfressen und Ankommen muss das Ziel sein. Bewusst fahren wir ja mit dem langsamsten Fortbewegungsmittel, dem Segelboot.
So viele Boote wie heute haben wir während der ganzen vergangenen Monate nicht gesehen. Wir sind in Stockholms Segelmekka gelandet. Ein Verkehr wie am Stachus, das wichtigste heute sind die Vorfahrtsregeln. Im Lindöfjärden, 1,2 sm nordwestlich vom Arkösund-Fischereihafen legen wir in einer rundum von Wald umgebenen einsamen Bucht an einer "Brygga" an. Etmal 49 sm. Keine Menschenseele am Steg, außer uns.

Do. 10. 8. Endspurt. Ablegen um 8.55 Uhr. Den Stockholmer Schärengarten lassen wir hinter uns, vor uns liegt der Gryts-Skärgard (Gryt = Steinhaufen), ein unüberschaubares Labyrinth von Steinen. Die Schären sind klein, meist kahl, auf manchen wachsen vereinzelt Bäume aber kein Unterholz mehr wie Erika oder Blaubeeren. In der Karte eingezeichnet gibt es nur noch ein Hauptfahrwasser, das sich von Nord nach Süd erstreckt und abseits dieser markierten Route ist die Crew auf sich allein gestellt.


steinerne Urlandschaft

Im Törnführer heißt es "eine Freiheit, die viel Konzentration erfordert, spannende Erlebnisse vermittelt und nach einem erfolgreichen Abstecher durch diese Urlandschaft eine tiefe Befriedigung bereitet".
Brauchen und möchten wir nicht mehr, für uns ist es nur noch Stress, wir müssen aber trotzdem durch diese steinige Urlandschaft. Zwischen Väggön und Haskö enge Durchfahhrt, aber mit Leuchttürmchen drauf, schon das X Xte heute, jetzt folgt Askö und Fangö. Das Städtchen Fyrudden liegt an steuerbord und jetzt gehts zum Versteck von Momo, der Gryts Werft.

Die Stimmung an Bord ist schlecht, um 14.15 Uhr krieg ich einen Rüffel vom Skipper: "Zieh nicht alles in Zweifel was ich mach!" Ich will die Story eigentlich nicht schreiben von der Tonne und den Steinen unter uns und von der Ostumfahrung und der geschnippelten Kurve. Der Skipper meint, sie gehört dazu.

Meuterei auf der Momo!

14.15 Uhr und nur noch zwei Seemeilen von 2812 zurückliegenden haben wir noch vor uns:
Die Crew (Brigitte) verfolgt auf Befehl des Käptns die Strecke am Labtop. Dieser steht unten im Schiff auf dem Kartentisch. Der Bildschirm zeigt neben und unter dem Schiffchen lauter + ++ + + + (Steine)! In 400 Jahren werden diese Steine über Wasser sein, heute aber sind sie unserem Kiel gefährlich nahe. Ich widerspreche immer lauter und lauter, dann (anscheinend) hysterisch dem unbeirrt draußen am Steuer stehenden, nicht von seinem gewählten Weg abzubringenden Skipper.
"Zieh nicht immer in Zweifel was ich sage", kommt`s auf hochdeutsch zurück. Endlich, in letzter Sekunde dreht Uwe ab, fährt wieder zurück und beteuert mir, mich künftig ernst zu nehmen.

Es ist alles Gut gegangen, wir haben den schönsten Überswinterungsplatz für Momo gefunden auf Position: 58°09'62N und 16°48'62E, 237 Autokilometer von Stockholm entfernt. Nächstes Jahr werden wir Momo wieder suchen müssen wie eine Stecknadel im Steinhaufen.
Östlich von uns, auf dem gleichen Breitengrad liegt die Nordspitze Gotlands mit Farö. Am 18. Mai waren wir auf gleicher Höhe, also fast nebenan und hier schließt sich für dieses Jahr der Kreis.
Auf der Werft regeln wir Momos Winterlager und machen Momo "winterfertig". Fertig, fix und sind wir jetzt, auch wenn wir uns nur auf das Allernötigeste beschränkt haben. Wir verlassen am Samstag nachmittag unser Schiff und fahren mit dem Bus Q-star durch die Orte Valdemarsvik, Söderköping, hier kommen wir über den Götakanal, wehmütig schauen wir aus dem Fenster. Auf der ganzen Strecke sehen wir hauptsächlich Wald, wir fahren noch durch Norrköping nach Nyköpping. Hier übernachten wir als Fußgänger, ohne Schiff oder Auto, mit nur zwei je 10 kg schweren Taschen bepackt, und fliegen um 6.00 Uhr in der früh ab nach Hahn bei Frankfurt mit dem Billigflieger Ryan Air. Detlef, den wir eigentlich mit Gerty zusammen im Götakanal treffen wollten, holt nun uns am Flughafen ab. Danke nochmals.


In diesem Steinlabyrint liegt die Momo jetzt